30. Juni 2009 | Utensilien

Praxisvergleich: Gaggia Classic versus Rancilio Silvia

Espresso-Vollautomaten sind ohne Frage sehr bequem – will man aber guten Espresso trinken, führt kein Weg an einer Siebträgermaschine vorbei. Die beliebtesten Einsteiger-Maschinen sind die Gaggia Classic (ab ca. 300 Euro) und die Rancilio Silvia (ab ca. 450 Euro). Da ich weiß, dass viele vor der Entscheidung „Classic oder Silvia?" stehen, hier ein ausführlicher Praxisvergleich dieser beiden Espressomaschinen – es handelt sich um die aktuellen Modelle.

Links: Gaggia Classic, rechts: Rancilio Silvia.
Links: Gaggia Classic, rechts: Rancilio Silvia

Verarbeitung

Das Gehäuse der Classic besteht aus mattem Edelstahl, ebenso wie das der Silvia, die seitlich noch einen schmalen Rahmen aus anthrazit lackiertem Metall besitzt. Das Rahmenblech der Silvia ist ungefähr doppelt so stark wie das der Classic; die Metallkanten sind bei der Silvia abgerundet, während sie bei der Classic scharfkantig sind.

Kanten
Blechkanten an der Tassenablage. Links: Gaggia Classic, rechts: Rancilio Silvia

Kratzer
Kratzer ab Werk
Das Bodenblech unterhalb des Auffangbehälters meiner Gaggia Classic sieht so aus, als ob es in der Gaggia-Fabrik eine zeitlang als Schneide-Unterlage benutzt wurde. Nicht unbedingt ein Zeichen für sorgfältiges Arbeiten.

Der Auffangbehälter unter dem Abtropfgitter der Rancilio Silvia ist aus Edelstahl, bei der Gaggia Classic ist er aus Plastik, dafür ist er etwas größer.

Aluminium contra Messing

Der wichtigste Unterschied der beiden Maschinen besteht beim Material des Kessels und der Duschen-Trägerplatte: bei der Classic ist beides aus Aluminium, bei der Silvia aus Messing. Ganz abgesehen von der Frage, ob Aluminium sich nun tatsächlich negativ auf die Gesundheit auswirkt – Aluminium oxidiert, und der Kessel einer Gaggia Classic kann bei mangelnder Pflege nach ein paar Jahren unter Umständen schon mal so aussehen: „Vier Jahre alter Boiler einer Gaggia Classic“.

Handhabung

Die Rancilio Silvia wiegt 14 kg. Damit ist sie sechs Kilogramm schwerer als die Classic, was sich beim Ein- und Ausspannen des Siebträgers durchaus positiv bemerkbar macht: die Silvia bleibt stehen, während sich die Classic mitdreht, wenn man sie nicht festhält.

Wassertank

Alle paar Tage muss man die Wassertanks zwecks Reinigung entnehmen. Bei der Gaggia muss man dazu erst die Ablaufschale, dann das Überdruckrohr entfernen, um den Wassertank nach vorn entnehmen zu können. Das sollte man übrigens nur bei kalter Maschine machen, will man sich nicht versehentlich verbrennen. Den Tank der Silvia zieht man nach oben aus der Maschine heraus, dabei sind keine heißen Teile in der Nähe.

Dampfrohr

Das Dampfrohr der Classic (Durchmesser: ca. 6 mm) ist um die senkrechte Achse drehbar. Das Dampfrohr der Silvia (Durchmesser: ca. 10 mm) kann dank einem Kugelgelenk zusätzlich in jede beliebige Richtung bewegt werden. Da die Dampflanze der Rancilio Silvia aus Edelstahl besteht, kann man sie nach dem Milchaufschäumen einfach mit einem feuchten Tuch abwischen. Den Plastik-Panarello der Gaggia Classic sollte man zusätzlich alle zwei bis drei Tage auseinanderschrauben und von Milchresten befreien, weil es sonst unangenehme Gerüche geben könnte.

Siebe

Das mitgelieferte Ein-Tassen-Sieb meiner Classic klemmt (möglicherweise konstruktionsbedingt) nicht richtig im Siebträger fest, was dazu führt, dass das Sieb samt Trester häufig am Duschsieb kleben bleibt, wenn man nach einem Kaffeebezug den Siebträger ausspannt. Was leider regelmäßig zu Sauereien führt, wenn das Sieb herunterfällt und dabei heißes und feuchtes Kaffeemehl in der Küche verteilt wird. Auch der Kauf eines neuen Siebträgers für 35 Euro löste das Problem nicht. Mit dem Ein-Tassen-Sieb und dem Siebträger der Silvia gibt es diesbezüglich überhaupt keine Probleme.

Aufstellung

Die Silvia lässt sich mit der Rückseite bündig an die Wand schieben. Die Classic steht wegen des überstehenden Stromsteckers ca. 3 cm von der Wand ab.

Temperaturstabilität

Eine wichtige Voraussetzung für einen guten Espresso ist u. a. die richtige Temperatur des Wasser. Bauartbedingt sind beide Maschinen nicht besonders temperaturstabil: Beim Erreichen einer bestimmten Wassertemperatur schaltet das Thermostat die Heizung ab. Danach sinkt die Temperatur bis zu einem bestimmten Punkt, an dem die Heizung wieder anspringt. Deshalb kann die Wassertemperatur durchaus um bis zu 10 °C differieren, je nachdem, zu welchen Zeitpunkt dieses Zyklus’ man den Kaffee bezieht.

Die Silvia hat hier einen minimalen Vorteil, allerdings sollte man bei beiden Maschinen temperatursurfen, um reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen.

Espresso/Crema

Crema

Sind die Kaffeebohnen frisch und stimmen daneben auch Mahlgrad und Tamperdruck (siehe auch „Der perfekte Espresso“), produzieren beide Maschinen einen sehr guten Espresso. Wegen der geringeren Temperaturschwankungen gelingt es mit der Silvia etwas leichter, Espressi durchgehend mit haselnussbrauner Crema zu produzieren.

Dampfpower/Milchschaum

Als ich zum ersten Mal mit meiner nagelneuen Gaggia Classic Milch aufschäumte, kam nach ca. 6-8 Sekunden nur noch ein laues Lüftchen aus dem Dampfrohr. Der Einbau eines neuen Thermostats durch eine Gaggia-Fachwerkstatt brachte keine Besserung. Mittlerweile weiß ich aus einigen Foren, dass auch andere Classic-Besitzer die Dampfpower ungenügend finden. Es gibt einen Trick, wie man etwas mehr Dampf erzeugen kann: Nachdem Einschalten der Dampf-Taste wartet man nicht, bis die Kontrollleuchte ausgegangen ist, sondern fängt bereits nach 20-25 Sekunden an, die Milch aufzuschäumen.

Die Silvia hat wesentlich mehr Dampfpower, was nicht zuletzt auch dem größeren Tank zu verdanken ist.

Dampfrohre
Dampfrohr. Links: Gaggia Classic, rechts: Rancilio Silvia

Mit dem Panarello der Classic, das ist das auf das Dampfrohr aufgesteckte Kunststoffrohr, ist es (nicht nur) mir völlig unmöglich, cremigen Milchschaum herzustellen. Einige Classic-Besitzer rüsten ihre Maschinen deshalb (mit einiger Bastelei) mit dem Silvia-Dampfrohr nach (was mit der 2009er Kugelgelenk-Version nicht mehr gehen dürfte) – damit gelingt der gewünschte cremige Mikroschaum nämlich mühelos. Wollen Sie auch ohne Umrüstung besseren Milchschaum haben, ziehen Sie das große Kunststoffrohr ab und schäumen die Milch nur mit der aufgeschraubten Düse.

Kundendienst/Support

Wegen des oben erwähnten Problems mit dem lockeren Einersieb schrieb ich insgesamt vier E-Mails an die Gaggia GmbH, in denen ich nach einer Lösung fragte. Zur Antwort erhielt ich lediglich zwei phrasenhafte Standardschreiben („Sehr geehrte Damen und Herren …“), in denen nicht im mindesten auf meine Fragen eingegangen wurde. Der (nutzlose, siehe oben) Austausch des Gaggia-Thermostats wegen fehlender Dampfpower hat fünf Wochen gedauert. Laut Aussage des Reparaturbetriebs, weil die Gaggia GmbH ein Ersatzteil nicht liefern konnte.

Mit der Silvia hatte ich bisher keine Probleme, deshalb kann ich zum Kundendienst nichts sagen.

Bewertung

Gaggia Classic Rancilio Silvia
Straßenpreis 300 € 450 €
Verarbeitung Wertung: Zweieinhalb von fünf Kochmützen Wertung: Viereinhalb von fünf Kochmützen
Handhabung Wertung: Zwei von fünf Kochmützen Wertung: Fünf von fünf Kochmützen
Temperaturstabilität Wertung: Drei von fünf Kochmützen Wertung: Dreieinhalb von fünf Kochmützen
Espresso/Crema Wertung: Viereinhalb von fünf Kochmützen Wertung: Fünf von fünf Kochmützen
Milch aufschäumen Wertung: Eine von fünf Kochmützen Wertung: Fünfeinhalb von fünf Kochmützen
Kundendienst/Support * Wertung: Null von fünf Kochmützen
Gesamtergebnis Wertung: Zweieinhalb von fünf Kochmützen Wertung: Viereinhalb von fünf Kochmützen

* Fließt mangels Vergleichsmöglichkeit nicht mit ins Gesamtergebnis ein

Fazit

Ich habe mit beiden Maschinen ausreichend Erfahrungen sammeln können: Die Gaggia Classic war zwei Jahre lang täglich in Betrieb, die Rancilio Silvia ist es seit einem halben Jahr. Mein Fazit: Wenn man nur alle paar Wochen mal einen Espresso trinken will und einem u. U. ein bisschen Kaffeemehlsauerei nichts ausmacht, ist man mit der Gaggia Classic gut bedient. Werden es aber ein paar Espressi mehr, oder kommt ab und zu auch mal ein Cappuccino oder ein Milchkaffee dazu, sollte man meines Erachtens lieber gleich zur Rancilio Sivia greifen.

Zwar trifft die bekannte Weisheit „Wer billig kauft, kauft doppelt“ hier nur bedingt zu, weil 300 Euro für die Classic auch nicht gerade billig sind, aber für 150 Euro mehr bekommt man mit der Silvia nicht nur einen Boiler und eine Duschplatte aus Messing (statt aus Aluminium), sondern auch gleich größere Dampfpower, ein wesentlich geeigneteres Dampfrohr, eine bessere Handhabbarkeit und nicht zuletzt eine deutlich hochwertigere Verarbeitung.

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Kommentar


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Kommentare:

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Andreas Krause • 14. April 2015, 13:33 Uhr

Habe eine neue Gaggia CC mit dem angesprochenem Kugelgelenk und auch hier kann man das Dampfrohr der Sylvia verwenden. Meines Wissens nach werden in den neuen Maschinen auch keine Al-Kessel mehr verbaut, sondern Edelstahlkessel.
Ferner halte ich die Gaggia CC bzw. die baugleiche Babyclass für grundsolide Maschinen, die sehr guten Espresso/Cappucino bereiten. Ganz sicher ist die Silvia die vollendetere Maschine, aber eben auch fast doppelt so teuer (die Babyclass bekommt man ab 200€, die CC ab 250€ und die Silvia ab 460€).



 

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